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Stimmen zum Dritten Raum

Was macht einen Ort zu einem Dritten Raum?

Menschen aus Soziologie, Kulturwissenschaft, Philosophie, Demokratieforschung und Theologie geben unterschiedliche Antworten. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen einander begegnen, Geschichten teilen, Unterschiede aushalten und Neues entstehen lassen.

Eleanor Roosevelt

Demokratie und Menschenwürde bewähren sich nicht zuerst in Institutionen, sondern im Alltag: in Nachbarschaften, Vereinen, Schulen und Begegnungsorten.

Die Welt beginnt vor der Haustür

„An den kleinen Plätzen, nahe dem eigenen Heim. So nah und so klein, dass diese Plätze auf keiner Landkarte der Welt gefunden werden können. Und doch sind diese Plätze die Welt des Einzelnen: Die Nachbarschaft, die Schule oder die Universität, die er besucht, die Fabrik, der Bauernhof oder das Büro, in dem er arbeitet.

Das sind die Plätze, wo jeder Mann, jede Frau und jedes Kind gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleiche Würde ohne Diskriminierung sucht. Solange diese Rechte dort keine Geltung haben, sind sie auch woanders nicht von Bedeutung.

Wenn die betroffenen Bürger nicht selbst aktiv werden, um diese Rechte in ihrem persönlichen Umfeld zu schützen, werden wir vergeblich nach Fortschritten in der weiteren Welt suchen.“

Lisa Odert: Dritte Räume sind keine festen Größen. Sie verändern sich mit den Menschen, die sie nutzen, und mit den Bedürfnissen einer Gesellschaft.

Dritte Räume als Orte der Vergesellschaftung

„Ob als historisch gewachsene oder geplante Orte, ob als Orte der nachbarschaftlichen Zusammenkunft oder als Orte des normierten Entertainments: Dritte Orte bleiben nach wie vor Orte der Vergesellschaftung, wenn auch sich der Modus der Vergesellschaftung verändert.“

„Der Begriff unterliegt einem ständigen Wandel, welcher die Veränderungen und Bedürfnisse der Gesellschaft zum Ausdruck bringt.“

Homi K. Bhabha: Dritte Räume ermöglichen Begegnung, ohne Unterschiede aufzulösen. Sie schaffen einen Zwischenraum, in dem Neues entstehen kann.

Der Dritte Raum zwischen Eigenem und Fremdem

Der Begriff des „Third Space“ geht auf den Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha zurück, der kulturelle Identitäten als hybride und in Aushandlungsprozessen entstehende Formationen versteht (Bhabha 1994).

„Das »verknotete« Subjekt Im Dritten Raum verändern sich die Subjekte. Der einzelne Mensch wird zu einem »Subjekt in Bewegung […] einem Knoten- und Kreuzungspunkt der Sprachen, Ordnungen, Diskurse und Systeme, die es durchziehen, mit allen damit verbundenen Wahrnehmungen, Emotionen und Bewusstseinsprozessen. Bhabha’s Metapher des ›verknoteten Subjekts‹ verlagert Multikulturalität aus einer territorialen Vorstellung in eine Person« (Engel u. Lewicki, 2005, S. 2). Dritte Räume erweisen sich als ein Austauschprozess zwischen Fremdem und Eigenem. Ich muss die Pers pektive wechseln: Erst wenn ich eine andere Position eingenommen habe, kann ich die eigene bedenken, kann ich in der Weise so übersetzen, dass immer ein Rest bleibt, der sich als produktiver Dritter Raum öffnet.“

Paul Ricœur

Gastfreundschaft beginnt nicht erst an der Tür, sondern im Zuhören. Wer sich auf die Geschichte eines anderen einlässt, erweitert den eigenen Horizont.

Gastfreundschaft der Geschichten

„Narrative Gastfreundschaft besteht darin, die Erzählung eines anderen in die eigene Lebensgeschichte aufzunehmen.“

Axel Honneth

Wo Menschen gesehen und wertgeschätzt werden, entsteht Zugehörigkeit. Anerkennung ist eine Grundbedingung gelingender Gemeinschaft.

Anerkennung schafft Gemeinschaft

Anerkennung bedeutet einerseits die Achtung aller Personen als moralisch und rechtlich Gleiche, andererseits die Wertschätzung ihrer „jeweils besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften“.

Körber-Stiftung

Dritte Orte verbinden Menschen über Generationen, Milieus und Lebensgeschichten hinweg. Sie stärken den sozialen Zusammenhalt vor Ort.

Treffpunkte des Gemeinwesens

Dritte Orte sind Treffpunkte für die lokale Gemeinschaft – egal ob Häuser, Institutionen oder Plätze im öffentlichen Raum.

Initiative Kirchenmanifest

Kirchen können weit mehr sein als liturgische Räume. Sie werden zu Orten kultureller, sozialer und spiritueller Begegnung.

Kirchen als Dritte und Vierte Orte

Kirchenbauten sind Dritte und Vierte Orte Eindringlich betont der Soziologe Ray Oldenbourg die Bedeutung der Dritten Orte (third places). Sie werden von Menschen auf ihren Wegen zwischen dem Zuhause (first place) und der Arbeitsstätte (second place) angesteuert. Auch Kirchen sind solche Orte kultureller Praxis und bürgerschaftlicher Begegnung. Mehr noch: Durch ihre Baubedeutungen und ihre Verflechtungen in den Stadtteilen sind sie weiterhin Vierte Orte, wenn sie in Dörfern und Stadtquartieren offene, spirituell bedeutsame Chancenräume einer Sorgenden Gemeinschaft bilden. Besonders in den ländlichen Räumen sind Kirchen bauliche Wahrzeichen, zentrale Orientierungspunkte, Zeuginnen einer geistigen Tradition – und wichtige Treffpunkte. Denn anders als Dorfladen, Dorfkneipe oder Wirtshaus, Kulturhaus und Schule verschwinden sie nicht, wenn die Gemeinde schrumpft. Projekte wie das (von der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien mit Mitteln aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung geförderte) „Kirchturmdenken“ haben gezeigt: Gibt man ihnen die Chance, werden ländliche Kirchen zu Orten klug komponierter Kulturangebote und bürgerschaftlicher Begegnungen.

Demokratie braucht Begegnung

Wo Menschen einander begegnen, Vielfalt erleben und gemeinsame Erfahrungen machen, entsteht das Fundament einer demokratischen Gesellschaft.

Demokratie braucht Begegnung

Demokratie fehlt Begegnung: Schwimmbäder, Jugendclubs, Bibliotheken oder Sportvereine werden weniger. Individuelle Freizeltgestaltung, digitale Medien und zuletzt die Coronapandemie haben vielen Begegnungsstätten den Rest gegeben, Aber Demokratie braucht Räume des Zusammentreffens, damit sie dauerhaft funktioniert. Reinald Manthe fokussiert auf solche Begegnungs- orte des Alltags: Straßen und Bahnen, Parks und Cafés, die Dorfkneipe und Elternabende. Denn nur durch die Wahrnehmung von Diversität, durch die Bildung sozialer Beziehungen und durch gemeinsame Aktivitäten entsteht die unverzichtbare Basis, auf der moderne, vielfältige Demokratien funktionieren und sich den großen Transformationen unserer Zeit stellen können.

©Dritter Raum Stuttgart e.V.
© Leonhardsgemeinde (Bildrechte)
Alle Rechte vorbehalten.

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