„Über dritte Orte und dritte Räume …“ – ein Resümee des Eingangsvortrags von Professor Dr. Oliver Ibert
Anbei die exkulsive Zusammenfassung des Vortrags:
Mit einem pointierten und zugleich atmosphärisch dichten Impulsvortrag eröffnete Prof. Dr. Oliver
Ibert, Direktor am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, den Studientag über „Dritte
Orte und Dritte Räume“ am 18. Juni 2026 in der Leonhardskirche. Der Studientag wurde gemeinsam
vom Verein Dritter Raum Stuttgart e.V., dem ökumenischen Arbeitskreis Leonhardsvorstadt und
unterstützt von der IBA’27 Stuttgart veranstaltet. Die großzügige Förderung durch die Lechler
Stiftung ermöglichte es, die Veranstaltung ohne Teilnahme gebühren durchzuführen.
Oliver Iberts Beitrag zeigte eindrucksvoll, wie Orte jenseits von Zuhause und Arbeit zu Laboren
gesellschaftlicher Erneuerung werden – und warum sie gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit
eine besondere Bedeutung gewinnen.
Orte, die mehr sind als Orte
Ibert knüpfte an die klassische Definition von Ray Oldenburg an: Dritte Orte sind jene
Zwischenräume, in denen Menschen sich begegnen, austauschen und Gemeinschaft erleben. Weiter
gedacht sind es Orte, die immer auch bedeutungsvolle Räume schaffen – sinnlich erfahrbar,
historisch geschichtet, emotional aufgeladen. Sie entstehen aus der Spannung zwischen Mobilität
und Innehalten, zwischen Strömen und Knotenpunkten.
Dabei betonte er, dass Orte nie neutral sind: Sie können öffnen oder ausschließen, stabilisieren oder
irritieren, heilen oder verletzen. In dieser Ambivalenz liege ihre gesellschaftliche Kraft.
Dritte Räume: Wo Neues entsteht
Besonders hilfreich war Iberts Unterscheidung zwischen Dritten Orten und Dritten Räumen. Während
Erstere physische Ankerpunkte darstellen, beschrieb er Letztere – in Anlehnung an den indischen
Literatur und Kulturwissenschaftler Homi K. Bhabha – als emergente Zwischenräume, in denen
kulturelle Praktiken sich überlagern und Neues entsteht. Nicht Austausch, sondern „Rekombination“
sei hier das Leitmotiv.
Kreative Labore als Anker des Wandels
Anhand von Beispielen aus Berlin, Amsterdam und Detroit zeigte Ibert, wie Coworking-Spaces,
Fablabs und Urban Labs zu offenen Laboren werden, die Menschen helfen, mit Unsicherheit
produktiv umzugehen. Fünf Funktionen hob er hervor:
Geselligkeit: Orte gegen Einsamkeit und für spontane Begegnungen.
Arbeitsatmosphäre: Professionelle, strukturierende Umgebungen jenseits des Homeoffice.
Gebrauchsnutzen: Zugang zu Infrastruktur, Werkzeugen, Beratung und Netzwerken.
Orientierung: Coaching, Peer-Learning und Mentoring.
Sinn: Räume für Reflexion, Experimente und neue Perspektiven.
Diese Orte seien, so Ibert, kuratierte, ästhetisch gestaltete Hybride, die Kreativität, Resilienz und
soziale Bindung fördern.
Impulsgeber für lebendige Quartiere
Für die Stadtentwicklung zeichnete der Vortrag ein klares Bild: Dritte Orte wirken als soziale,
ökonomische und kulturelle Relais. Sie ergänzen bestehende Strukturen, stabilisieren lokale
Ökonomien, schaffen neue Erlebnismöglichkeiten und erhöhen die Anpassungsfähigkeit von
Quartieren. Besonders hervor hob Ibert ihre Funktion als „Serendipitätsmaschinen“ – Orte, an denen
das Ungeplante möglich wird.
Fazit: Orte, die Zukunft ermöglichen
Iberts Vortrag machte deutlich: Dritte Orte sind keine Inseln, sondern Knotenpunkte, über die Städte
an überregionale Entwicklungen anschließen. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Dritte
Räume entstehen können – jene kreativen Zwischenräume, in denen gesellschaftliche Innovationen
ihren Anfang nehmen.
Damit wurde der Blick frei für eine Stadtentwicklung, die nicht nur baut, sondern Atmosphären,
Beziehungen und Möglichkeitsräume gestaltet.